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Mach, was dir gefällt!

Ein Erzieher spielt mit einem Jungen und einem Mädchen mit Bauklötzen.
Männer und sich kümmern? Frauen und Technik? Klar, denn bei der Berufswahl zählen deine Stärken und Interessen, nicht überholte Klischees.
Foto: Hans-Martin Issler

Typisch Frau, typisch Mann?

Mach, was dir gefällt!

Pflegeberufe sind besser für Frauen, technische Berufe besser für Männer geeignet? Das sind hartnäckige Vorurteile in Sachen Berufswahl. Tatsächlich solltest du dich aber nicht fragen, was typisch oder untypisch ist, sondern welcher Beruf zu deinen persönlichen Stärken und Fähigkeiten passt.

Technik hat Paulina Grant schon früh interessiert. „Mein Vater ist Ingenieur und auch meine Mutter hat Ingenieurwesen studiert. Ich bin in einem offenen Umfeld aufgewachsen“, berichtet die 22-Jährige. Nach der fachgebundenen Hochschulreife stand sie dann vor der persönlichen Wahl: etwas Kaufmännisches oder lieber etwas Technisches? Sie entschied sich für Letzteres, nämlich für die Ausbildung zur Elektronikerin für Informations- und Systemtechnik bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG).

Öffentliche Verkehrsmittel sind auf jede Menge elektronischer Systeme angewiesen. So lernte Paulina Grant während ihrer Ausbildung zum Beispiel, wie die Videoüberwachung in U-Bahnhöfen gesteuert wird oder wie digitale Anzeigen an Bus-, U-Bahn- und Straßenbahnstationen funktionieren. Während des Betriebsdurchlaufs im dritten von dreieinhalb Ausbildungsjahren war sie unter anderem in einer Abteilung im Einsatz, die für die Signale in den U-Bahn-Tunneln zuständig ist. „Hier geht es um Wartung, Reinigung, Reparaturen und Notsignalprüfungen. Auch die Weichenprüfung habe ich kennengelernt“, erzählt sie. Eine andere Abteilung, die sie durchlaufen hat, digitalisiert interne Formulare, um den Papierverbrauch zu reduzieren: „Die Formulare werden automatisch an Kostenstellen oder zur Unterzeichnung weitergeleitet“, erklärt sie.

Männer in der Überzahl – noch?

Porträtbild von Paulina Grant

Paulina Grant

Foto: privat

Paulina Grants Ausbildungsberuf ist männerdominiert: Laut dem Berufsbildungsbericht 2018 ist Elektroniker der drittbeliebteste Beruf bei jungen Männern in Deutschland, bei den Frauen taucht er dagegen noch nicht einmal in den Top 25 auf. „Ich habe mich aber schon immer besser mit Jungs und Männern verstanden und mich deshalb bewusst für diesen Ausbildungsberuf entschieden“, sagt sie. Zumal sie jede Menge über technische Zusammenhänge lernen kann.

Vor Schwierigkeiten stellte sie diese Entscheidung nie – im Gegenteil: Ihr Arbeitgeber bemüht sich schon länger um mehr Frauen im Betrieb. „Das ist überall im Unternehmen zu spüren. In meinem Ausbildungsjahrgang sind wir zwei Frauen und zehn Männer, im Vorjahr waren es sogar fünf Frauen“, erzählt die Auszubildende.

Mittlerweile steht sie kurz vor ihrem Abschluss. Ihr Fazit: „Mir gefällt mein Ausbildungsberuf sehr gut. Das Programmieren macht mir viel Spaß, aber auch, Elektronik zu verkabeln.“

Klischees in den Köpfen

Ein Porträtbild von Miguel Diaz

Miguel Diaz

Foto: Bettina Straub

Paulina Grant hat sich nach ihren Interessen und Stärken für einen Beruf entschieden. So frei fühlen sich leider nicht alle jungen Frauen und Männer in Deutschland. Denn noch immer herrschen jede Menge gesellschaftliche Vorstellungen vor, was „typisch“ für das eine oder andere Geschlecht sein soll.
Das weiß auch Miguel Diaz, der die Servicestelle der Initiative Klischeefrei am Kompetenzzentrum „Technik - Diversity - Chancengleichheit“ leitet, aus seiner Arbeit: „Fakt ist, dass wir Geschlechterklischees verinnerlicht haben.

Zum Beispiel die Vermutung, dass Jungen mutiger seien als Mädchen. Experimente mit Kindern belegen allerdings, dass es die Projektionen der Eltern sind, die den Jungen mehr Mut zuschreiben. Und dass Frauen vermeintlich besser zuhören können, ist eine Erwartungshaltung an die Weiblichkeit. Es gibt aber auch Männer, die sehr gut darin sind.“ Diese vermeintlich typischen Eigenschaften sind historisch und kulturell bedingt. Sie werden im gegenseitigen Miteinander, aber auch in Medien wie Filmen, Serien, Werbung und Büchern vermittelt und sind daher „tief in den Köpfen verankert“, erklärt Dr. Stefanie Boulila, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Geschlechterforschung an der Georg-August-Universität Göttingen.

Ein Porträtbild von Dr. Stefanie Boulila

Dr. Stefanie Boulila

Foto: privat

Sie gibt zudem zu bedenken: „Wenn immer davon ausgegangen wird, dass ein Kind aufgrund einer bestimmten Eigenschaft etwas nicht gut kann, dann ist es schwer für das Kind, das Gegenteil zu beweisen.“ Außerdem ist es wesentlich schwieriger, einer Normvorstellung nicht zu entsprechen, als einfach Teil davon zu werden. „Wer möchte schon immer auffallen und anders sein?“, fragt Stefanie Boulila. „Der gesellschaftliche Widerstand gegenüber Menschen, die Geschlechternormen nicht entsprechen, sollte nicht unterschätzt werden.“

Hoher Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften

Und was bedeutet das für die Arbeitswelt? „Auffallend ist nach wie vor die unterschiedliche Repräsentanz in technischen und IT-Berufen (Frauenanteil: 15 Prozent) einerseits und in sozialen Berufen (Männeranteil: 16 Prozent) andererseits“, zeigt Ralf Beckmann, Arbeitsmarktexperte bei der Bundesagentur für Arbeit, auf.

Da derzeit jedoch in beiden Bereichen junge Fachkräfte stark nachgefragt sind, muss man weder bei einer untypischen, noch bei einer typischen Berufswahl Nachteile am Arbeitsmarkt fürchten. „In den technischen Berufen stehen zum Beispiel Softwareentwickler und -entwicklerinnen, Automatisierungsexperten und -expertinnen oder Bauingenieure und -ingenieurinnen besonders hoch im Kurs. Zunehmend zeigt sich auch der Mangel an Fachkräften mit Berufsausbildung oder Meisterqualifikation. Im Handwerk sind beispielsweise Elektroniker und Elektronikerinnen, Baufachleute oder Sanitär-, Heizungs- und Klimatechniker und -technikerinnen gesucht“, betont er. „In sozialen Berufen diskutiert man derzeit vor allem über fehlende Lehrkräfte an Grundschulen oder Berufsschulen oder den steigenden Bedarf an Erzieherinnen und Erziehern für Kindergärten und Hortbetreuung.“ Auch in der Pflege fehlen Fachkräfte.

Porträtbild von Stephan Schneider

Stephan Schneider

Foto: privat

Ein Nachteil besteht allerdings nach wie vor: die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern, der sogenannte Gender Pay Gap. Dem Statistischen Bundesamt zufolge verdienen Frauen in Deutschland im Schnitt rund 21 Prozent weniger als Männer. Allerdings lassen sich dem Amt zufolge fast drei Viertel des Gender Pay Gap auf strukturelle Unterschiede zurückführen, zum Beispiel auf unterschiedliche Berufe und Branchen oder Arbeiten in Teilzeit. Zuletzt wurde der bereinigte Gender Pay Gap im Jahr 2014 ermittelt. Dabei kam heraus, dass Frauen bei vergleichbarer Qualifikation und Tätigkeit pro Stunde durchschnittlich sechs Prozent weniger als Männer verdienten. „Im Gleichstellungsgesetz steht, dass Frauen in Bezug auf ihren Verdienst nicht benachteiligt werden dürfen, aber in der Realität gibt es Unterschiede“, weiß auch Stephan Schneider, Berater für akademische Berufe der Jugendberufsagentur Berlin Mitte aus der Praxis.

Sich selbst erfahren und ausprobieren

Es gibt also noch viel zu tun in Sachen Gleichstellung. Neben der Berufsberatung durch die Agenturen für Arbeit setzen sich verschiedene weitere Institutionen dafür ein, Klischees bei der Berufswahl aus dem Weg zu räumen – zum Beispiel das bereits erwähnte Kompetenzzentrum „Technik - Diversity - Chancengleichheit“. „Wir haben den Girls'Day und Boys'Day initiiert, in dem Mädchen und Jungen sich in einem Beruf ausprobieren können, der vom anderen Geschlecht dominiert wird“, berichtet Miguel Diaz vom Kompetenzzentrum. „Für die Jugendlichen ist das immer eine große Bereicherung.“ Auch in sogenannten MINT-Camps, in denen Studiengänge und Berufe im naturwissenschaftlich-technischen Bereich vorgestellt werden, oder bei Freiwilligendiensten im sozialen Bereich können Schülerinnen und Schüler über den Tellerrand schauen – und selbst herausfinden, was ihnen liegt.

Das Bestreben ist dabei nicht, Mädchen allein von Technik und Jungen nur von pflegerischen Berufen zu überzeugen: „Grundsätzlich entwickeln Kinder und Jugendliche für viele Dinge eine Begeisterung und fragen erst mal gar nicht danach, ob das jetzt zu ihrem Geschlecht passt oder nicht. Wir müssen nur aufhören, ihnen dieses Interesse zu vermiesen. Und bestenfalls setzt das schon im Kindergartenalter an“, weiß Miguel Diaz. Die Initiative Klischeefrei spricht nämlich bereits mit Beteiligten in der Frühbildung, die im Alter von zwei Jahren beginnt. Darüber hinaus „haben wir die Schulen und die Eltern im Blick, zudem die Berufsberatung, die einen maßgeblichen Einfluss auf die Berufswahl der Jugendlichen hat. Und wir gehen auf Betriebe und Hochschulen zu.“

Vorurteile hinterfragen lernen

In der Berufsentscheidung werden junge Frauen und Männer nicht nur mit Geschlechterklischees konfrontiert. „Zum Beispiel sind viele Jugendliche überzeugt, dass ein Arzt übermäßig viel verdient und geregelte Arbeitszeiten hat. Und wenn sie dann hören, dass Ingenieure durchaus ein höheres Einstiegsgehalt haben können und Ärzte nicht zwingend geregelte Arbeitszeiten haben, sind sie oft überrascht“, berichtet Berufsberater Stephan Schneider aus seiner Arbeit. „Solche Informationen bringen Jugendliche dazu, genauer hinzuschauen und sich breiter zu informieren.“

Wichtig ist es also in vielerlei Hinsicht, Klischees zu erkennen und zu entlarven. Die Entscheidung, was man beruflich machen möchte, sollte dann jede und jeder anhand eigener Stärken und Interessen treffen – unabhängig vom (eigenen) Geschlecht.

Mehr Infos

abi>> Berufswahlfahrplan

Schritt für Schritt begleitet dich der Berufswahlfahrplan in deiner Entscheidung für eine Ausbildung, ein Studium und einen Beruf.

www.abi.de/orientieren/berufswahlfahrplan.htm

Berufswelten im Überblick

Das Online-Angebot der Bundesagentur für Arbeit hilft übersichtlich und intuitiv bei der Suche nach einem passenden Studiengang, einer geeigneten Aus- oder Weiterbildung. In der Berufswelt Studium stehen 27 Arbeitsfelder zur Auswahl. Reportagen und Erfahrungsberichte geben Einblicke in den Arbeitsalltag. Informationen zu erforderlichen Kompetenzen, Arbeitsmarktchancen und Berufseinstieg runden das Angebot ab.

www.berufsfeld-info.de

studienwahl.de

Im Portal kannst du im Finder deutschlandweit nach allen Studiengängen an deutschen Hochschulen recherchieren. Außerdem hält die Website Informationen rund um die Themen Studienwahl, Auslandsaufenthalte, Kosten eines Studiums und Fördermöglichkeiten bereit.

www.studienwahl.de

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Text und Bild

www.berufenet.arbeitsagentur.de

JOBBÖRSE

Über die JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit kannst du nach Jobs und Ausbildungsstellen in deiner Region und darüber hinaus recherchieren.

www.jobboerse.arbeitsagentur.de

Nationaler Pakt für Frauen in MINT-Berufen

Die Webwseite bietet unter anderem eine bundesweite Übersicht über MINT-Aktionen. Des Weiteren gibt es Links zu Self-Assessments, in denen man seine Eignung für ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium testen kann.

www.komm-mach-mint.de

Klischeefrei

An Schulen, Universitäten und Eltern gerichtet werden hier Inhalte zum Thema klischeefreie und geschlechtergerechte Berufs- und Studienwahl präsentiert.

www.klischee-frei.de

Girls’Day

Jedes Jahr im April können Mädchen bundesweit Unternehmen aus Technik, Handwerk, Naturwissenschaften sowie IT kennenlernen. An Hochschulen besteht die Möglichkeit, sich über entsprechende Studiengänge zu informieren.

www.girls-day.de

Boys’Day

Jedes Jahr im April können sich junge Männer unverbindlich mit Berufen beschäftigen, in denen Jungs bislang unterrepräsentiert sind – vom Altenpfleger bis zum Sozialarbeiter. Bundesweit öffnen Unternehmen beispieslweise aus den Bereichen Soziales, Pflege und Erziehung ihre Türen.

www.boys-day.de

abi>> 11.03.2019

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