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Was tun nach dem Abi?

300 km/h

Nach viereinhalb Stunden Schlaf klingelte mein Wecker und ich schlich mich aus dem Hostel. An der Hauptstraße konnte ich mit etwas Glück ein Taxi ergattern. Am riesigen Bahnhof angekommen fand ich den Schalter für mein Ticket zu meiner großen Erleichterung ohne Schlange vor – ich war nämlich spät dran. Dann noch schnell durch die Sicherheitskontrolle und zum Bahnsteig, wo der Zug bereits stand. Zehn Minuten später und ich hätte ein großes Problem gehabt.
Der Zug nahm schnell Fahrt auf. Die nächste Stunde brauste ich mit 300 km/h durch die chinesische Walachei. Nur in größeren Städten hielt der Zug. Ich sah viele braune Hochhäuser, breite Straßen und industrielle Gelände – nach Hightech und architektonischer Meisterleistung sah das nicht gerade aus.
Nach einiger Zeit machte ich Bekanntschaft mit meiner Sitznachbarin, einer 23-jährigen Frau, die sich auf dem Weg nach Peking befand. Sie sprach tatsächlich ein paar Worte Englisch und bot mir etwas von ihrem Essen an, was mir sehr gelegen kam, da ich nur Kekse und trockene Instantnudeln aus Kathmandu bei mir hatte. Sie brachte mir ein paar chinesische Wörter bei, wobei mich die Aussprache vor größere Schwierigkeiten stellte.
Neuneinhalb Stunden und 2.000 Kilometer später stieg ich in der 11-Millionen-Metropole Shijiazhuang aus. Nun hieß es zweieinhalb Stunden auf den nächsten Zug warten. Um 22 Uhr kam ich schließlich in Dezhou – meinem Aufenthaltsort für die nächsten drei Wochen – an und wurde von Andy, einem Angestellten von meiner Praktikumsfirma „Hi-min“, in Empfang genommen. Wir rollten die restlichen Kilometer über breite, leere Straßen. Im Dunkeln sah ich bereits die ersten Umrisse vom „Solar Valley“, das ab morgen mein Arbeitsplatz sein würde.
Die Wohnung von Andy war nicht gerade gemütlich. Aber gut, damit kam ich erstmal klar. Andy teilt sich die Wohnung mit einem anderen Mitarbeiter. Immerhin hatten sie eine Waschmaschine, was schon mal ein großer Fortschritt war. Nach den vergangenen zwei kurzen Nächten war ich inzwischen hundemüde, und obwohl ich auf einer Holzpritsche lag, schlief ich sofort ein.

Was tun nach dem Abi?

Chinesischer Luxus

Kurz vor Mitternacht erreichte ich nach fünf Stunden Flug China. Genauer gesagt Kunming, eine Millionenstadt im Südwesten des Landes. Von dort sollte es weiter nach Dezhou gehen, wo ich ein dreiwöchiges Praktikum bei einer großen Solarfirma absolvieren durfte.
Der Flughafen in Kunming wirkte wie aus einer anderen Welt. Alles war sauber, modern und technologisch auf höchstem Niveau. Als ich aus dem riesigen Gebäude herauskam, herrschte kein Chaos und ich war auch nicht so überfordert wie bei meiner Ankunft in Nepal. Für die Fahrt in den Stadtkern wählte ich den öffentlichen Bus, der bequemer war als jedes Straßenfahrzeug in den vergangenen sieben Monaten – im Vergleich zu Nepal purer Luxus.
Am Straßenrand standen LED-Tafeln und mit blinkenden Lichtern verzierte Hochhäuser. In der Stadt teilte eine kleine Trennwand, die aussah wie ein süßer Gartenzaun, mittig die zwei Fahrbahnen voneinander. Dazu gab es eine separate Spur für Fahrräder, Roller und im Zweifel auch für Fußgänger.
Auf dem Weg vom Bus zum Hostel lief ich wie durch eine Geisterstadt. In den leeren Straßen trieben sich nur ein paar wenige Nachteulen auf ihren Rollern herum. Ansonsten gab es keine Anzeichen, dass hier sieben Millionen Menschen leben. Der Mann an der Rezeption sprach kein Wort Englisch und konnte mir auch nicht erklären, wie ich am nächsten Morgen am besten zum Bahnhof kam, der am anderen Ende der Stadt lag. Zum Glück war mein französischer Zimmergenosse noch wach und erklärte mir, dass ich wohl oder übel ein Taxi nehmen musste.
In der Nacht schlief ich nicht besonders gut. Aggressive Mücken summten konstant um mein Ohr herum und mir war heiß, weil ich die Decke bis zum Kopf zog, um die Viecher von meinem Körper fernzuhalten. So oder so stand mir eine kurze Nacht bevor, denn um 5.30 Uhr würde mein Wecker klingeln.

 

Autor: Max  |  Rubrik: orientieren  |  Jul 5, 2019

Was tun nach dem Abi?

Zwischenbilanz

Mittlerweile ist schon ein Monat meines Praktikums in einem Hotel in Nizza vorbei. Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen: Ich habe mich in meine Aufgaben eingearbeitet, sodass sich eine gewisse Routine eingestellt hat. Leider hat mein Praktikumsverantwortlicher andere Vorstellungen als ich und das sorgte erst kürzlich für Diskussionsstoff. Er meinte, dass ich und eine weitere Praktikantin zu pünktlich von der Arbeit nach Hause gehen würden. Im ersten Moment war ich verwirrt und fragte mich, warum man sich Vorwürfe machen lassen muss, wenn man sich an den Dienstplan hält. Er erklärte mir, dass wir ein Team sind und deshalb Überstunden von uns erwartet werden. Daraufhin entgegnete ich, dass wir dem Vertrag zufolge nicht mehr als 35 Stunden pro Woche arbeiten müssen, ich aber meistens sogar 42 Stunden arbeite – von denen allerdings lediglich 39 Stunden bezahlt werden. Nach einer längeren Diskussion zeigte sich mein Chef doch noch einsichtig und bot uns mehr Lohn an, wenn wir pro Tag eine halbe Stunde länger bleiben.
Ansonsten gefällt mir an der Arbeit, dass wir viele internationale Kunden haben und ich meine Fremdsprachenkenntnisse anwenden kann. Leider habe ich kein richtiges Wochenende und kann abends selten ausgehen. Ich arbeite von Freitag bis Dienstag in jeweils zwei Schichten pro Tag. Besonders am Samstagabend ist es besonders stressig, da alle Tische ausgebucht sind. Auch die Hoffnung, während des Praktikums viel Neues zu lernen habe ich mittlerweile fast aufgegeben: Die Arbeit ist sehr monoton und oft langweilig. Das einzige, was ich bisher gelernt habe ist, möglichst schnell Teller und Besteck mit der Hand abspülen.

Autor: Tobias  |  Rubrik: orientieren  |  Jul 4, 2019
Autor: Tobias
Rubrik: orientieren
Jul 4, 2019